Currais
Currais sind kleine, von Trockenmauern aus Vulkangestein umgebene Rebparzellen auf der Azoreninsel Pico. Currais ist der Plural von curral, zu deutsch “Gehege” oder “Koppel”, und bezeichnet ein historisches System zum Schutz der Reben vor Wind, Salz und Witterungseinflüssen.
Was sind Currais?
Die Currais bestehen aus niedrigen, dicht gesetzten Steinmauern, die aus dem lokal verfügbaren Basalt errichtet wurden. Diese Mauern bilden ein kleinteiliges Raster aus rechteckigen oder quadratischen Parzellen, in denen meist nur wenige Rebstöcke - oft drei bis fünf - wachsen. Ziel dieser Struktur ist es, ein möglichst stabiles Mikroklima zu schaffen und die empfindlichen Pflanzen vor den extremen Bedingungen des Atlantiks zu schützen.
Weinbau unter extremen Bedingungen
Der Weinbau auf Pico gehört zu den herausforderndsten Europas. Die Insel ist geprägt von starkem Wind, salzhaltiger Gischt und hoher Luftfeuchtigkeit. Besonders problematisch ist der feine Salznebel, der von den Wellen aufgewirbelt wird und sich auf den Blättern absetzt, wo er die Pflanzen schädigen kann. Gleichzeitig begünstigt das feuchte Klima Krankheiten wie Oidium (Echter Mehltau) oder Botrytis. Zu viel Regen in höheren Lagen und starke Winde in Küstennähe zwingen die Winzer dazu, sehr genau abzuwägen, wo Reben gepflanzt werden können. Die Currais fungieren hier als physischer Schutzschild und ermöglichen überhaupt erst einen nachhaltigen Weinbau in diesen exponierten Lagen. Vor hungrigen Vögeln schützen allerdings auch sie nicht.
Historischer Hintergrund der Currais
Die Anlage der Currais geht mehrere Jahrhunderte zurück. Bereits vor 500 Jahren begannen die Bewohner der Insel, die vulkanische Landschaft systematisch zu strukturieren. Der junge, karge Lavaboden wurde mühsam von Hand bearbeitet, und die Steine, die dabei anfielen, dienten gleichzeitig als Baumaterial für die Mauern. Dieses System entwickelte sich über Generationen hinweg zu einer einzigartigen Kulturlandschaft. Die schiere Menge an errichteten Mauern ist enorm. Schätzungen zufolge würde ihre Gesamtlänge aneinandergereiht einmal um die Erde reichen. Heute ist diese mystische Landschaft als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt. Bedeutung für Stil und Qualität der Weine Die Currais haben nicht nur eine schützende Funktion, sondern beeinflussen auch den Stil der Weine. Die dunklen Lavasteine speichern Wärme und geben sie nachts wieder ab, was die Reifung der Trauben unterstützt. Gleichzeitig reflektieren sie Sonnenlicht, was in dem oft wechselhaften Klima von Vorteil ist. Typisch für Pico sind frische, mineralisch geprägte Weißweine mit salziger Note, die häufig aus autochthonen Rebsorten wie Arinto dos Açores, Verdelho oder Terrantez do Pico gewonnen werden. Die extreme Lage und die kleinteilige Bewirtschaftung führen zu geringen Erträgen, aber oft zu hoher aromatischer Intensität.
Aktuelle Relevanz
Heute konzentriert sich der Weinbau auf den Azoren auf wenige Inseln, wobei Pico den größten Anteil der Produktion stellt. Nach einem historischen Niedergang erlebt der Weinbau seit etwa ein bis zwei Jahrzehnten eine Renaissance. Engagierte Produzenten und internationale Aufmerksamkeit haben dazu beigetragen, die Currais als kulturelles und önologisches Erbe neu zu beleben. Die Bewirtschaftung bleibt jedoch arbeitsintensiv und wirtschaftlich anspruchsvoll. Mechanisierung ist kaum möglich, und fast alle Arbeiten müssen von Hand erfolgen. Entsprechend klein ist das Marktvolumen, während die Nachfrage nicht zuletzt durch den Tourismus kontinuierlich wächst.