England
England hat die Zeit als Aschenputtel hinter sich und gerade im Süden der Insel dürfen wir live und in Farbe den vielleicht interessantesten Boom der Weinwelt beobachten. Sowohl mengenmäßig als auch qualitativ. Die Rebfläche hat sich von unter 800 Hektar 2005 auf nun über 4500 Hektar in Britannien versechsfacht! Von Finesse und Niveau lässt sich dasselbe behaupten. Dies geht einher mit der Revolution der englischen Küche.
Vordenker wie Delia Smith, Nigel Slater und Jamie Oliver brachten frischen Wind an den heimischen Herd. Köche wie Gordon Ramsay oder Heston Blumenthal machten London zu einer der spannendsten Foodie Hot Spots überhaupt. Solche globalen Superstars hat die Winzerszene noch nicht vorzuweisen. Dabei ist man in puncto Schaumwein mittlerweile sogar auf Augenhöhe mit der Prickler-Prominenz aus Ostfrankreich oder Katalonien. Wer einmal den Blanc de Blancs von Justin Langham probiert hat, weiß was englische Exzellenz bedeutet.
Ein wichtiger Faktor für den Erfolg des englischen Weins liegt natürlich beim Klimawandel, aber auch in der Geologie Südenglands. Große Teile gehören geologisch zum Pariser Becken. Dieses Becken ist eine große sedimentäre Struktur, die sich von Nordfrankreich unter dem Ärmelkanal bis nach Englands Süden erstreckt. Schließlich hat sich Britannien erst vor rund 8500 Jahren dauerhaft vom europäischen Festland gelöst. Die berühmte Kreide der Champagne setzt sich heute praktisch unter dem Kanal fort und taucht auf der Insel wieder auf. Diese porösen Kalkböden speichern Wasser hervorragend, sorgen gleichzeitig für eine gute Drainage und begünstigen eine langsame, gleichmäßige Reifung der Trauben. Die Nähe zum Ärmelkanal wirkt sich zudem klimatisch günstig und mildernd aus.
Gerade für Schaumwein aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier gelten solche Böden als besonders geeignet. Sie tragen zur präzisen Säurestruktur, zur mineralischen Stilistik und zur Eleganz vieler englischer Schäumer bei. Da wundert es nicht, dass etliche Champagnerhäuser in England investieren. Taittinger und Pommery haben bereits eigene Weingüter auf der Insel. Auch der deutsche Pricklerkonzern Henkell-Freixenet mischt dort mit.
Der Weinbau konzentriert sich stark auf Südostengland, wo Klima und Böden perfekt zusammenspielen. Über 70 % der Rebflächen liegen hier. Die historische Grafschaft Kent ist mit gut 1000 ha der Primus und Epizentrum der internationalen Investitionen. Dann folgt mit 900 ha Sussex, das auch eine geschützte Herkunft als PDO besitzt. Das trockenere Essex ist zuletzt auf 600 ha stark gewachsen. Auch für Hampshire (300 ha) und Surrey (200 ha) geht es weiter aufwärts. Im (noch) zweistelligen Bereich bewegen sich die Gebiete im Südwesten: Cornwall, Devon, Dorset und Somerset.
Früher regierten Erntebringer wie Müller-Thurgau sowie Piwis und Consorten. Geschmacklich und qualitativ wenig überzeugend. Dies hat sich erfreulicherweise gebessert. Besonders auffällig ist aktuell der starke Fokus auf Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Die klassischen Schampus-Trauben also. Zusammen machen diese 3 Sorten heute rund 70 % des gesamten Bepflanzung aus und spiegeln die klare Ausrichtung des Landes auf hochwertige Schaumweine bzw. traditionelle Flaschengärer wider. Das Branchenschwergewicht Nyetimber stellt mit 450 Hektar allein 10% der nationalen Anbaufläche. Bacchus spielt auf Platz 4 noch eine besondere Rolle. Knapp 8% der Fläche sind damit bestockt. Tendenz fallend. Ein großer Block an pilzwiderstandsfähigen (Piwi) Sorten kommt danach. Diese kälte- und krankheitsresistenten Trauben wie Seyval Blanc, Solaris und Ortega bei den Weißen sowie die roten Regent oder Rondo sind mit einem Anteil von je 2-3 Prozent vertreten. Sie wurden vor allem in den frühen Jahrzehnten des modernen englischen Weinbaus gepflanzt und sind in kleineren Betrieben weiterhin verbreitet.
Heute zählt England zu den dynamischsten neuen Weinbauländern der Welt. Vor allem flaschenvergorenen Schaumweine nach der Méthode Traditionelle haben weltweites Renommee erlangt und werden häufig mit Champagne verglichen – nicht zuletzt wegen ähnlicher Kreideböden entlang der Südküste. Es ist unglaublich aufregend zu sehen, was sich auf der Insel gerade bewegt. Wenn Du das hier liest, sind die Zahlen wahrscheinlich schon obsolet und müssen nach oben korrigiert werden. Verlässliche Angaben sind im Moment noch schwer zu bekommen. Auch regionale Strukturen und ein Appellationssystem sind noch größere Baustellen. Während bei Schäumern zweifelsfrei internationale Klasse vorhanden bescheinigt werden kann, ist für Stillwein noch Potenzial nach oben. Das sicher in Zukunft genutzt wird. Einige ernstzunehmende Chardonnays aus dem Holzfass liefern bereits spannende Sneak Previews. History in the making – and it’s great to watch. And to taste, of course. Cheers, Britannia!