Weinjünger auf dem Camino Portugues zu Albariño Königen
Blindverkostungen sind etwas Wunderbares. Bei professioneller Punktevergabe für Weinführer mag es durchaus sinnvoll erscheinen, offen zu probieren. Eventuell möchte man die Typizität des Winzers in Relation gesetzt wissen. Aber in privater Runde gibt es doch nichts Aufregenderes als das Knistern im Raum vor der Aufdeckung der Weine.
Richtig spannend wird es, wenn Piraten die Flights kapern. Dabei gibt es verschiedene Arten von Freibeutern. Die Crux ist dabei stets die Verwechselbarkeit kombiniert mit Überraschung.
Fachfremde Trauben einschmuggeln ist eine der leichteren Übungen. Atlantisch frischer Alvarinho eignet sich hervorragend bei säurebetonten Rebsorten. Das so gewonnene Wissen lässt sich auch hervorragend einsetzen. Deine Schwiegermutter trinkt gerne Sauvignon Blanc ohne Säure? Sie bekommt einfach beim nächsten Mal Verdejo oder eine trockene Scheurebe vorgesetzt. Der elegante Nebbiolo aus der Amphore schlägt sich gut gegen intensive High-End-Pinot Noirs. Haben wir getestet und für gut befunden. Einen Geheimtipp hat mir vor etlichen Jahren Caro Maurer MW zugesteckt. Älterer Assyrtiko in einem Flight mit gereiften Rieslingen! Works every time.
Ein Klassiker ist dabei die “falsche” Region. Die Möglichkeiten sind hier unendlich. Die ewigen Rivalen: Europa vs Übersee. Wie, der kommt aus Kalifornien? Paris 1976 lässt grüßen. Die als “Bottle Shock” etwas dramatisiert verfilmte Probe von Steven Spurrier gilt als die Mutter aller neuzeitlichen Blindproben. Im WaL-Hauptquartier sorgten unlängst die Chardonnays von Seth Morgen Long für leuchtende Augen. Bestens geeignet für Blindflüge zwischen Meursault und Montrachet. Und der hauseigene Master Somm ließ sich neulich von Christ Alheit mit Chenin nach Portugal locken.
An dieser Stelle möchte ich deutlich sagen, dass einer der wichtigsten Terroir-Faktoren mittlerweile der Mensch hinter dem Wein ist. Einfach weil die Ausbildung der Winzerinnen und Winzer überall exzellent ist. So ist es mit viel Know How und gutem Handwerk möglich, seinem Tropfen burgundische Eleganz einzuhauchen, wenn man in Beaune studiert hat. Vorausgesetzt, dass Klima, Boden und Topographie halbwegs mitspielen. Etwas überspitzt gesagt: Mittlerweile wird es fast schon schwierig, Weine aus Sonoma zu finden, die nicht nach Frankreich schmecken. Vertrauen in die Hersteller ist durch nichts zu ersetzen. Denn auch die Kellertechnik hält zwischen Power-Hefen, Enzymen und Schleuderkegelkolonnen allerlei bereit, um hier und da nachzuhelfen.
Erstaunlich ist es immer, wenn man mit dem Jahrgang Eindruck schinden kann. Immer wieder kommt es vor, dass auch einfachere Weine extrem lebendig dastehen. Wir erinnern uns, wie viel Spaß manche Rieslinge aus dem Arschjahr 2010 machten, als die Säure einige Jahre später gut eingebunden war. Ich entsinne mich auch an eine Probe eines Piemonteser Winzers, der seinen Barolo mit 10, 15 und 20 Jahren Reife präsentierte. Eine Charge mit hochwertigem Kork verschlossen. Die andere mit Schraubverschluss. Eye opening! Unter der Hand verriet er anschließend: Wenn es nach ihm ginge, würde er alles mit Screw Cap füllen. Aber dann wären natürlich Renommee und Preise im Keller. Und nein, man dürfe ihn nicht zitieren.
Vielleicht das schönste Szenario. David gegen Goliath. Die 4 Euro-Buddel werden geübte Trinker oft vom 40 Euro-Stoff unterscheiden können. Jenseits der 50 wird die Luft da extrem dünn, behaupte ich mal. Ein Beispiel: Der Soldaat (€ 60) von Eben Sadie hat sich in so mancher Schlacht wacker geschlagen. Sein ‘21er hat das Judgement of Wimbledon 2024 gewonnen. Bei der verdeckten Verkostung von Greg Sherwood MW ließ der Grenache unter anderem Valmira (€ 330) und L’Ermita (€ 1200) hinter sich. Vor hochkarätig besetzter Jury. Auch Rayas wurde schon rasiert. Selbst wenn solche Momentaufnahmen “cum grano salis” zu genießen sind, illustriert es doch, welch große Freude die Beschäftigung mit Wein macht. Vor allem gemeinsam mit anderen Menschen. Und, dass wir auch mit vergleichsweise wenig monetärem Einsatz Weltklasse kosten können.
Einige Fallstricke gibt es selbstredend. Nervig wird es, wenn alle dieselbe Idee hatten und in der Bourgogne-Probe plötzlich 90% Übersee serviert wird. Hier sollte also entweder gelost werden, wer Piraten mitbringen darf, oder der Organisator vorab moderierend einschreiten. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung, wo bei 12 Buddeln 3x der gleiche Wein auf den Tisch kam, 2x direkt hintereinander. Aber auch das sorgte für humorvolle Momente und ließ so manchen Verkoster an seinem Verstand zweifeln.
Natürlich muss man auch nicht jedes Treffen in derartige Battles ausarten. Blindverkostungen können auch extrem anstrengen. Doof, wenn sich der eigene Herzenswein auf den hinteren Plätzen wiederfindet. Der Wein muss “performen”. Hauptsache, er rasiert den neureichen Nachbarn. Seitdem er Partner in Kanzlei ist, übertüncht der blasierte Arroganzling seine Unkenntnis immer mit unnötigem Flex. Keller, Pétrus, Overnoy – Sure Shots aus der Facebook-Bubble.
So schön es ist, verdeckt zu probieren. Wir dürfen nicht vergessen, einfach zu genießen und Spaß zu haben. Gerne öfter mal Perlen vor die Säue und sich freuen, wenn sich die bieraffine beste Freundin den Lagen-Champagner mit einem Lächeln und “Joa, lecker” ins Gesicht kippt. Cheers!