Weinjünger auf dem Camino Portugues zu Albariño Königen
Ich bin weder Anthroposoph, abergläubisch, noch esoterisch veranlagt. So viel vorab. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern aus Erfahrung weiß ich, wohin dieser Mag-Beitrag führen kann.
Wenn es um den Anthroposophen Rudolf Steiner und seine Lehre der Biodynamik geht, dann wird es schnell kompliziert, bisweilen hitzig und manchmal unangenehm. „Hater always gonna hate.“ Für so eine Diskussion bin ich a) ungeeignet, b) schnell raus und c) zu unerfahren.
Ich bin spirituell – auf alle Fälle – und fühle mich mit der Natur und anderen Menschen verbunden. Ich glaube, es gibt eine tiefere und höhere Bedeutung im Leben, eine, die über die exakten Ergebnisse der Wissenschaft hinausgeht. Alles ist miteinander verbunden. Dazu brauche ich keinen Gott, aber ich glaube dafür an Good Vibes und Karma.

Mein erstes Erlebnis hatte ich vor 20 Jahren während einer Ayurveda-Kur auf Sri Lanka. Sie sollte meinen Blick auf das Leben verändern, damals verpönt, heute anerkannter denn je. Unsere westliche Arroganz kann unerträglich sein.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit Stephi und Eduard Tscheppe von Gut Oggau gemacht. Das war in 2012 und damals war ich mit einem anderen Geschmackskompass ausgestattet. Erst nach mehreren Anläufen begriff ich, worum es den beiden Burgenländern geht. Natürlich um Steiner und seine Sichtweisen, schließlich ist das Weingut Demeter zertifiziert, aber es geht um so viel mehr.
Die beiden haben seit ihrem ersten Jahrgang 2007 einiges an Unverständnis ertragen müssen. Heute, bald 20 Jahre später, hat ein Teil der Weinwelt sie eingeholt, oder versucht sie sogar zu kopieren. Trotzdem, ihre Weinfamilie bleibt ein Einhorn, eines mit Weltklasse. Im eigenen Land ist der Prophet nicht ganz angekommen, deswegen finden sich ihre Weine mit den einprägsamen Etiketten in den interessantesten Plätzen der ganzen Weinwelt. Viele Gatekeeper haben eine Meinung zu diesen Weinen und suchen eine Lücke, ohne sich je mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Sie unterstellen dem hübschen Paar, oder ihrer Botschaft, eine Marketinghülse zu sein. Der Neid ist Stephi und Eduard gewiss, die diesem in bewundernswerter Weise jederzeit mit Contenance und positiver Energie begegnen.
Die Root Time
Als die Einladung zur Root Time herein flatterte, brauchten wir keine zwei Minuten, um uns zu entscheiden. Reconnect mit Gut Oggau, den köstlichen Weinen und passionierten Menschen dahinter, und vor allem mit der Natur. Die ausgetrocknete, abgehärmte Stadtseele lechzt nach so einem Event. Ein langes Wochenende am Neusiedlersee, mit einem kleinen internationalen Personenkreis und den Tscheppes liegt vor uns. Zweimal pro Jahr nimmt sich das Paar ausgiebig Zeit ihr Werk zu zeigen, ihre holistische Philosophie zu erklären und Freunde und Kunden großzügig zu bewirten. Nein, es wurde nicht in bacchantischer Art bei Vollmond nackt ums Feuer getanzt. Einen Schamanen trafen wir auch nicht, dafür zwei pragmatische, sensible Winzer mit einem feinen Gespür für das Leben.

Der „Get-together-Abend“ war eine gelungene Einstimmung. Mit köstlichem Essen und frischen, eleganten Oggau-Weinen, die sich nie in den Vordergrund spielen, aber nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Charakter der Weine ist spürbar, man meint die Gesichter zu kennen – nein, das ist keine Einbildung. Seit einem Dutzend Jahren kenne, schätze und trinke ich diese Familie. Um 22 Uhr liegen wir vertikal in unserem Schilfhaus auf dem See und hören dem sonoren Subwoofer im Froschkonzert und dem markanten Ruf der Rohrdommel zu. Beruhigend.
Das Programm
Der Wecker klingelt um 4 Uhr, unfassbar, auf E-Bikes strampeln wir bergauf im kalt-feuchten Morgengrauen in die Weinberge. Die Luft riecht gut. Überall sind fette Mücken, die nerven, das Anrühren des Präparates 501 aka Hornkiesel fühlt sich dafür gut an. Ein malerischer, mediativer Moment, während die Sonne über dem Neusiedlersee aufgeht. In seiner Unberührtheit ist er genauso schön wie der gefeierte dramatische Untergang. Eduard hat viel Geduld mit uns, während die Arme im eiskalten Wasser langsam taub werden. Dann verteilen wir das Präparat im Weingarten. Der sieht so vital und gesund aus, duftet wunderbar, ohne Frage, er wird geliebt. Es ist der stimmungsvolle Beginn eines langen Tages.

Zurück auf Gut Oggau tauchen wir tiefer in die Zusammenhänge der Biodynamie ein. Wenn Eduard erklärt, hört sich das nicht nach dem Ruf des Gurus an, sondern zielbewusst und pragmatisch. Hier entstehen große Weine, und zwar nicht zufällig, sondern sehr bewusst. Und recht hat er. Wir Menschen haben uns von der Natur entkoppelt, wir sehen sie nicht mehr als unseren Freund an. Auch der Weinbau ist ein wesentlicher Eingriff, aber er kann weitgehend im Einklang mit der Natur sein. Weinbau ist das Schaffen von Kulturlandschaft, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Für die einen muss ein Weinberg wie ein Golfplatz aussehen, für die andere Fraktion ist es das Chaos, das sich immer wieder selbst reguliert und neu definiert. Es braucht Mut, das zuzulassen.
„Chaos ist Teil des Lebens“
Eduard Tscheppe

Eine Balance zwischen Erde, Pflanze, Tier, Mensch, den Gezeiten, auch den kosmischen gilt es herzustellen. Steiner beruft sich auf Praktiken als die Landwirtschaft ins Industriezeitalter wechselte und damit sich die Sicht auf die Erde, auf der wir stehen und ihrer Nutzung änderte. Auf Gut Oggau werden die Felder mit Pferden bewirtschaftet, nicht zu „Whitewashing-Marketingzwecken”, sondern weil Tiere ein Teil des wichtigen Kreislaufes sind und die Bodenverdichtung weniger stark ist und gleich mitgedüngt wird. In der Biodynamie gibt es viele Kreisläufe, wie der Kalender von Maria von Thun, die Mondphasen und Planetenkonstellationen erforschte, die wiederum Aussaat und Pflanzenwachstum bedingen. Wissenschaftlich lässt sich das nicht belegen, trotzdem schwören viele Gärtner auf ihre Beobachtungen und vor allem die Ergebnisse.
Bevor ich zu sehr abgleite. Häufig wird diese Debatte viel zu hart und unsachlich geführt. Einige der besten Weine der Welt werden nach der Façon biodyn hergestellt. Man muss dafür kein Dogmatiker und Fanatiker sein, sondern nur offen und schmecken. Im Umkehrschluss ist so ein Zertifikat nicht gleichzeitig ein Freifahrtschein für ein Spitzenprodukt oder geschmacklichen Mehrwert.

Das Mittagessen – wiederum nur mit hauseigenen Produkten – im Weingarten ist unfassbar idyllisch, köstlich sowieso. Die anschließende kurze Siesta umwerfend. Krass wie schnell oder wie langsam die Sanduhr des Lebens rieseln kann. Die schweren Gedanken, die ich zurzeit in mir trage, werden für einen Moment federleicht. Ohne Frage, für einen Augenblick bin ich connected. Welt, Du bist vollkommen, wenn ich Dich so anschaue und mir die Zeit nehme, Dir zuzuhören.
Um mich herum ein sattes Zirpen und Brummen fleißiger Insekten, Wohlgerüche von Kräutern steigen mir in die Nase, die Sonne wärmt, der Wind streichelt meine Haut. Hunderte von Bäumen haben die Tscheppes in den letzten Jahren gepflanzt. Ein weiterer Beitrag für eine erlebbare Biodiversität. Große Weine werden aus glücklichen Trauben gekeltert.
„Wir sind nicht an der Spitze der Ernährungspyramide, sondern ein Teil davon.“
Eduard Tscheppe
Danach wieder aufs Rad, zurück ins Weingut und Kellerbesichtigung. Die alten Baumpressen werden immer noch benutzt, nur große Stückfässer, Zeit und Unberührtheit spielen hier eine wichtige Rolle. Alle Familienmitglieder werden in der Weinbereitung gleich behandelt, keine Zusätze, langes Hefelager und seit einigen Jahren keine Schwefelgaben.
Warum? Weil die Weine auch so stabil bleiben. Aus meiner Erfahrung entwickeln sie ein anderes Mundgefühl, aber gehen auch durch krassere Phasen in ihrer Entwicklung. Echte Persönlichkeiten. Der Begriff „lebendiger Wein“ gefällt mir von jeher besser als Naturwein, der in sich widersprüchlich ist. Aus Gründen, vielen.

Der Ausklang
Das Dinner kocht der aus Mexiko stammende Matteo, der in Frankreichs besten Restaurants gebuckelt hat und Burgund wie seine Westentasche kennt. Es schmeckt unfassbar köstlich. Fast alles stammt vom Hof, das Gemüse und Obst, der Fisch aus dem Neusiedlersee, das knusprige Hühnchen aus dem Stall, das warme selbstgebackene Brot usw., alles unprätentiös und kommt zum Teilen auf den Tisch. Die Gespräche kommen in Gang, bekommen Tiefgang und der Humor nimmt zu. Menschen aus aller Welt unterhalten sich offen und reflektiert. Geht doch. Dazu werden weitere Weine aus der Oggau Familie eingeschenkt. Gut, dass kein Inspektor von der WHO in der Nähe ist, er würde sofort aus dem Lager der Puritaner zu uns Hedonisten überlaufen. Es ist alles so wertschätzend, freundlich und wohlwollend. Stephi und Eduard sind großzügige Gastgeber. Ihre Perfektion ist spürbar, wirkt aber nie gewollt.

Wieder aufs Fahrrad, ein letztes Mal. Der Abend endet dort, wo der Tag begonnen hat, im Weinberg am Lagerfeuer. Wir liegen auf dem Boden und schauen mit einem unfassbar köstlichen 2020er Bertholdi aus der Magnum in die Sterne. Der Kreis schließt sich.
Irgendwo dazwischen wandern die Gedanken und wir mit unserem Willen, die Dinge in die Richtung zu bewegen, in die wir sie haben wollen. Ich denke an Eduards Worte. „Welche Rolle wollen wir spielen, nicht die frustrierende Frage, ob wir den Kaffee aus der Tasse oder dem Pappbecher trinken.“ Es liegt an uns.
Heute waren wir Teil des Ganzen, es hat sich wunderbar angefühlt. Danke, Gut Oggau!