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Weinjünger auf dem Camino Portugues zu Albariño Königen

Vom Norden Portugals kommen, überqueren wir den Grenzfluss Minho nach O Rosal, eine der 5 Subregionen der Weinregion Rías Baixas. Diese “Unteren Buchten”, die im äußersten Nordwesten Spaniens – Pardon! – Galiciens liegen.

Bei Restaurantreservierungen aufgepasst, in Spanien ticken die Uhren eine Stunde schneller. Um ein Haar verpassen wir unser Mittagessen bei Casa Olga in A Guarda, direkt am Atlantik. Wir haben Glück, 14.30 Uhr für den Beginn unserer gebuchten Session ist „no problemo“ und als wir das kleine Restaurant betreten, geht das ohne finstere Blicke. Kein Stress. Es gibt zwar einen Zeitunterschied, aber die Galegos sind genauso entspannt, wie ihre portugiesischen Nachbarn, mit denen sie mehr Gemeinsamkeiten haben, als mit dem Rest Iberiens.

Langusten finden in den Buchten der gailicischen Küste perfekte Lebensbedingungen und gehören zur traditionellen Küche.

Die rüstige 93-jährige Chefin, Olga, des kleinen Restaurants empfängt uns herzlich und warm. Danach wird es spektakulär für Seafoodfans und Liebhaber authentischer Küche. Hier wird regional und traditionell gegessen, ohne ein Dogma daraus zu machen. Was für eine wunderbare Einstimmung auf die nächsten Tage. Unser Ziel sind die Weinberge rund um Cambados im Val do Salnés, der wichtigsten Subzone der Rías Baixas, die direkt am Atlantik liegt.

In einem Podcast über Galicien sagt ein Engländer, dieser grüne Teil Spaniens erinnere ihn an den Norden Britanniens, es ist nur 10° Celsius wärmer. Tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten. Genug Regen, eine ausgeprägte Bierkultur, nur statt Celtic Glasgow gibt es hier Fußball von Celta de Vigo. Mich erinnert die Stadt an eine Mischung aus Bukarest und Marseille. Abgerockt, viele Plattenbauten, wind- und wettergepeitscht. Der Hafen flimmert nicht in der mediterranen Sonne, kein Jetset. Aber in den Gassen, Bars, Cafés pulsiert das Leben, genau wie in Südfrankreich. Vigo ist der raue, atlantische Gegenentwurf mit denselben Kontrasten von hart und herzlich.

A Guarda, ein Fischereihafen, der malerisch an Atlantikküste genau an der spanisch-portugiesischen Grenze liegt.

Galicien hat etwas Mystisches. Es ist ein Landstrich, aus dem die Jungen abhauen mangels Zukunft. Dennoch lockt er Entrepreneure und Aussteiger an. Vor allem, weil sie die Chancen auf ein entspanntes Leben und die geringen Lebenshaltungskosten schätzen. Ein Großteil Galiciens ist arm, dennoch sind das Essen und die Weine ziemlich gut. Nach dem Dafürhalten der katholischen Kirche spricht auch der Allmächtige zu Dir auf dem Pilgerweg des Camino nach Santiago de Compostela. Wenn ich das verlassene Benediktinerkloster an der pittoresken Küstenstrasse Vista Allegre in Oia sehe, dann scheint Gott gerade verreist zu sein. Immerhin haben die Mönche ihr Vermächtnis, den Wein, hinterlassen.

Auf dem Camino Portugues, direkt an der Küste, liegt das ehemalige Zisterzienserkloster Santa María la Real de Oia.

Galicien ist aus weinbautechnischer Sicht nicht homogen. Wer ins gebirgige Hinterland nach Ribeira Sacra, Valdeorras oder Monterrei reist, der erlebt ein kontinentales, heißes und trockenes Klima. Je näher man an den Atlantik kommt, desto stärker spürt man die unvermeidliche Feuchtigkeit.

Die Vielfalt dieses Landstriches ist den meisten Weinfreunden unbekannt und wird reduziert auf die Rías Baixas, was synonym mit dem Albariño ist. Die “Weiße vom Rhein“ ist nicht unser hiesiger Riesling, der laut Storytelling mit den Pilgern hierhin gezogen ist. Es ist eine regionale weiße Sorte, für mich eine der besten überhaupt. Mit dicker Schale und knackiger Säure, bestens angepasst an das atlantische Klima. Außer hier und in Portugal, wo sie Alvarinho heißt, gibt es sie in nennenswertem Umfang in Uruguay. Auch in Kalifornien und Südafrika experimentieren viele Winzer mit ihr. In Bordeaux ist sie mittlerweile zugelassen, aber niemand pflanzt sie an, obwohl sie das Zeug zum atlantischen Superstar hat.

Die älteren, gereiften Varianten können denselben wachsigen-honigartigen Duft des Rieslings aufweisen, der manchmal Petrolnote genannt wird.

Junge Albariños, insbesondere die vom Granitboden, erinnern mit ihrer phenolisch-grünen und salzige Austernschalennote an Sauvignon Blanc von der Loire oder Assyrtiko von der Insel Santorin. Ansonsten findet sich ein Feuerwerk von grünem Apfel, Limette, Pfirsich und Pfeffer im Duft. Es kommt auf den Standort an, je näher am Meer und kühler der Jahrgang, umso grüner und frischer meist die Aromen.

Der Aufstieg dieser Sorte ist keine 70 Jahre her. In den 50er Jahren gab es ca. 300 Hektar, heute gibt es etwa 4500 Hektar im gesamten Rías Baixas. Zum Vergleich: Gut 11.000 Hektar Chardonnay und 56.000 Hektar Viura stehen in Spanien. Albariño ist ein Underdog.

Der Pedraneira Weingarten, mit seinen 40 Jahre alten Albarińo Reben, liegt direkt am Meer. Unter der dünnen Bodenauflage liegt schwarzer, stark verwitterter Granit.

Diktator Franco war kein Freund der Galegos, insbesondere ihrer Autonomiebestrebungen. Dabei war er selbst einer. Und doch verbot ihnen die Kultur und Sprache zu leben. Genauso rückständig war der Weinbau. Erst in den 90iger Jahren kam ein merklicher Schub von Investoren, vor allem aus Rioja (CVNE und Marqués de Murrieta), auf der Suche nach einem frischen Weinstil. Sie behielten recht und Marken wie „Terras Gauda“, der auch mein erster Albariño war, sind heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Heute lässt er mich ziemlich kalt. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, denn auch die alteingesessenen Lokalmatadoren wie Rodrigo Méndez stellen sich mit einer neuen Kellerei auf.

Emblematisch hierfür stehen Rebecca und Eulogio Pomares. Ihre Familien sind eng mit der Geschichte des Rias Baixas verwoben. Rebecca stammt aus dem “Clan” der Zárate. Die gleichnamige Bodega ist mit ihren 13 Hektar zwar klein, aber der Pionier des ökologischen Weinbaus, spontaner Gärung, sowie des Ausbaus in Amphoren und unterschiedliche Holzgebinden. Mit klarem Fokus auf die unterschiedlichen Mikroklima und das Bewahren wurzelechter Rebanlagen. Mit ihrem Projekt Fento knüpft das Paar genau hier an und setzt weitere Maßstäbe in Sachen Diversifizierung, weit über den Albariño hinaus. Bei der Auswahl für ihre Cru unterscheiden sie die Herkünfte nach Boden, Nähe zum Meer und Boden. Der Granit ist allgegenwärtig und größtenteils verwittert, aber der Boden variiert stark. Die traditionelle Pergola aka „Über-Kopf-Erziehung“ ist aufgrund des Klimawandels wieder interessant geworden, sagt mir Eulogio, als wir die uralten, wurzelechten Reben im Weingarten Carralcoba betrachten. Ein Vermächtnis von Rebeccas Mutter, aus dem einer der charaktervollsten Albariños der Welt stammt. Uns gefällt die zurückhaltende, sehr aufmerksame Art dieses Power-Paares, die so typisch ist für die Galegos.

Zum Lunch geht es ins d’Berto auf der Halbinsel O Grove. Dieses in keinem Guide erwähnte und trotzdem ausgebuchte Restaurant serviert die besten Muscheln und Meeresfrüchte aus den relativ flachen Rías. Wir unterhalten uns über das System des Michelin, da es auf der Halbinsel einige hoch besternte Plätze gibt, die wahrscheinlich nicht annähernd so frequentiert sind wie das d‘Berto. Auch in Spanien gibt es einen Wandel zu mehr Authentizität, Gemütlichkeit und ehrlicher Herzlichkeit.

In diesem Moment, mit unseren Freunden Rebecca und Eulogio, bei fantastischen Muscheln und großen Weinen, fühlt sich alles richtig an. Viva Fento! Viva Galicia! Viva Albariño! Auf das Leben.

Galicien und seine Meeresfrüchte sind eine Reise wert.

 

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