Es gibt Weine, die es eigentlich gar nicht gibt. Oder sie werden weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehandelt. Bei 22.000 Flaschen, die auf nur 3 Hektar Weinbergsfläche entstehen, gehört Château de Lestang 1573 definitiv in die Kategorie der Phantomweingüter.
Dafür ist dieser Mikroerzeuger prominent auf einigen der besten Weinkarten der Welt vertreten. Aus dem Stand haben es die Weine in bedeutende Häuser geschafft – streng allokiert. Die Sommeliers im Plaza Athénée, Table by Bruno Verjus, The Peninsula oder Pierre Gagnaire freuen sich über die winzigen Mengen. Unser Freund Raffi Gabeyan, der Mullineux von Südafrika nach Frankreich importiert, hat uns die Liaison hergestellt.
Das traumhaft gelegene Renaissance-Schloss liegt malerisch eingebettet in ein 10 Hektar großes Waldareal am südlichen Hang des Städtchens Sancerre. Die Sauvignon-Blanc-Reben wachsen auf dem berühmten Silex-Boden, verantwortlich für die berüchtigte Feuersteinnote aka Pierre à Fusil. Dieser Boden speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts wieder ab – ein Vorteil für einen sanften, harmonischen Reifeverlauf. Nur rund 20% der Fläche Sancerres bestehen aus Silex; dort wachsen die besten und langlebigsten Weine der Region.
Rémy Graillot hatte schon lange ein Auge auf das Château geworfen, seit sein Vater in den 60ern einen benachbarten Bauernhof gekauft hatte. Das historische Anwesen gehörte verschiedenen Adeligen. Der schillerndste ist sicher Baron Hyde de Neuville, Marineminister unter Ludwig XVIII. und Botschafter in den Vereinigten Staaten. Dieser empfing auf L’Estang oft illustre Gesellschaft. Gern zu Gast war der bekannte Romantiker Chateaubriand, der höchstselbst die große Zeder im Schlossgarten gepflanzt haben soll.
So viel zum Staub der Geschichte – ansonsten geht es auf Lestang durchaus zeitgemäß zu. Die Weinberge werden weitgehend CO₂-neutral bewirtschaftet und so wurde das Weingut als erstes überhaupt von der sind von der ADEME (Agence de l'environnement et de la maîtrise de l'énergie) zertifiziert. Alles ist Handarbeit, der Anbau erfolgt nach organischen Kriterien. Biodiversität ist auf dem zwischen Wald und Hecken versteckten Gut mit bloßem Auge ersichtlich. Herbizide, Fungizide oder Ähnliches werden nirgends verwendet. Effizientes Wassermanagement und leichtere Flaschen sind weitere der vielen Puzzleteile von gelebter Nachhaltigkeit. Tradition trifft Moderne – vor allem trifft sie Exzellenz.
Die wunderbar puristischen, klassischen Weine werden von Célestin Bizet vinifiziert, der sich seine Sporen bei der Domaine Vincent Pinard verdient hat. Seine Philosophie, den Weinen ausreichend Zeit vor der Vermarktung zu geben, spürt man in Ruhe, Gelassenheit und Klasse, die sie ausstrahlen. Nachdem wir die Weine gemeinsam mit dem Team verkostet hatten, brauchte die Entscheidung, unsere Allokation nach Deutschland zu holen, weniger als 60 Sekunden. Köstlichster Stoff, Prädikatsstufe: Weltklasse. Gerne mehr davon – aber mehr haben wir nicht bekommen. Bien dommage!
Die Region: Sancerre und Pouilly Fumé
Die beiden weltberühmten Appellationen liegen an der oberen Loire, vis-a-vis durch den längsten Fluss Frankreichs getrennt. Sancerre erstreckt sich weitläufig rund um die gleichnamige historische Stadt, die auf einem 150 Meter hohen Kreidefelsen liegt, und über ca. 3000 Hektar Weinberge in der Region. Pouilly-Fumé, auf der östlichen Seite der Loire, ist wesentlich kleiner mit ca. 300 Hektar klassifiziert. Angebaut werden für die AOP Weine ausschließlich Sauvignon Blanc und Pinot Noir (der ca. 20% der Fläche repräsentiert). Weiter westlich liegen die 600 Hektar umfassenden Weinberge von Menetou-Salon die einen leichteren Stil ergeben.
Es gibt drei Bodentypen am Rande einer urzeitlichen Abbruchkante, die von Dover über Chablis und die Champagne bis hierhin reicht. Im Osten des Gebietes und am mittleren Hang rund um Sancerre finden sich Silex oder Feuerstein, die ca. 20% des Bodens ausmachen. Im Südwesten, weiter weg vom Flusstal gibt es die weiß schimmernden Kalkformationen mit großen Steinen und vielen fossilen Einschlüssen namens "Terres Blanches". Im Nordwesten finden sich "Caillottes“, die aus mergeligem Kies bestehen, vor allem am Hang von Sancerre und rund um die Gemeinde Verdigny. Das Mikroklima kann in den vielen seitlichen Flusstälern mit unterschiedlicher Topografie und Ausrichtung stark variieren. Generell ist das Klima in diesen Appellationen mäßig kontinental geprägt. Das bedeutet heiße Sommer, gefürchtete Frühjahrsfröste und kalte Winter.