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Wurzelecht (a.k.a Direktträger)

Wurzelecht oder Direktträger nennt man Reben, deren Wurzeln die gleichen Gene in sich tragen, wie der über der Erde wachsende, Trauben produzierende Teil. Also Riesling, der auch mit Rieslingwurzeln wächst – was alles andere als selbstverständlich ist. Im Gegenteil: In der Weinwelt ist das heute weltweit die krasse Ausnahme, die reblausresistente Unterlagsrebe stattdessen die Regel. Denn nur so ließ sich der unaufhaltsame Feldzug, mit dem die Reblaus seit den 1860er Jahren eine Spur der Verwüstung in weiten Teilen von Europas Weinbergen und später auch in Teilen von Übersee hinterlassen hat, aufhalten. Rund 90 % der Weine weltweit wachsen heute auf mit Edelreisern gepfropftem resistenten Wurzelwerk.

An den wenigen Orten, die der Rebenkiller nicht heimgesucht hat, konnten sich allerdings Rebanlagen halten, die noch auf den originalen Wurzeln fußen. Nicht selten sind das Inseln, der Lage den Weinbau dort vor der flugfähigen Insekt mit der tödlichen Wirkung verschont hat. Die Kanaren, Zypern oder Santorin sind hierfür Beispiele. Auch Chile ist aufgrund seiner geographischen Abgeschiedenheit von der Reblaus verschont geblieben. Genau, wie manche Rebanlagen auf besonders sandigen oder extrem steinigen Böden ohne Humusschicht, oder in großer Höhe. Hier war die Umgebung für die Blattlaus-Unterart einfach zu lebensfeindlich. Selbst in Deutschland, in Österreich und Schweiz finden sich zuweilen noch mit wurzelechten Reben bestockte Weingärten.

Wein aus solchen Anlagen umweht ein besonderer Nimbus. Was wirklich dran ist, am Mythos wurzelecht, muss letztlich offen bleiben. In der technischen Analyse lässt sich selbst mit modernsten Mitteln kein Unterschied nachweisen. Und eine vergleichende Blindprobe scheitert am dafür geeigneten Probenmaterial. Der gepfropfte Vergleichswein stammt schließlich zwangsläufig aus einer anderen Parzelle. Selbst, wenn die direkt benachbart wäre, bliebe unklar, ob Mikroklima und marginale Bodenunterschiede oder eben doch das unterschiedliche Wurzelwerk die Ursache eventueller Unterschiede wäre.

Spricht man allerdings mit Winzern, die noch über wurzelechte Anlagen verfügen, berichten nicht wenige von den besonderen Qualitäten der dort heranwachsenden Weine. Oft ist von einem deutlich erhöhtem Lagerungs- und Reifepotential die Rede. Wofür eine besonders mythisch umwobene Untergruppe der Wurzelechten das beste Beispiel ist: Prä-Phylloxera-Weine. Also Weine, die aus alten Rebstöcken vor der Reblaus-Katastrophe gekeltert wurden. Viele, die Weine aus dieser Ära verkostet haben, berichten von verblüffender und beeindruckender Frische. Ob die nun ihre Ursache tatsächlich im „originalen“ Wurzelwerk hat oder nur auf den Nimbus zurückzuführen ist, der mit Weinen dieses Alters zwangsläufig einhergeht, ist unklar. Aber es ist letztlich auch völlig unerheblich: Denn so oder so ist das Verkosten eines solchen Juwels von mehr als anderthalb Jahrhunderte alten Reben ein unvergessliches Erlebnis.